Alles was Recht ist

Unbenannt

„Das war, verdammt noch mal, das dritte Mal in dieser Woche, dass die Rolltreppe in der U-Bahn-Station Wien-Mitte außer Betrieb war. Herta Baumann blickte die lange Treppe hinauf und schnaubte. Um halb sieben Uhr früh da hinauf zu stapfen war wirklich ärgerlich. Vor allem im dicken Wintermantel und mit Pelzstiefeln. In der U-Bahn hatte es nach feuchter Wolle gerochen, ein Geruch, den Herta nicht ausstehen konnte, auch wenn er eine Spur angenehmer war, als der Schweißgeruch im Sommer. Aber geärgert hatte sie sich trotzdem.“

 

In einer Zeit, in der das Arbeitsmarktservice (AMS) aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit in aller Munde ist, ist es zwar bedauerlich, dass eine Mitarbeiterin in Wien auf offener Straße ermordet wird, aber Morde kommen eben vor.

Als kurz darauf eine Ärztin der Pensionsversicherungsanstalt das gleiche Schicksal ereilt, findet dies das Wiener Original Kommissar Müller mit seinem eleganten Chef Dr. Patrick Sandor gerade zur Weihnachtszeit ausgesprochen ungemütlich.

Wienkenner werden sich – wenn sie nach der Lektüre des Romans über beschriebene Plätze oder zum AMS müssen – ängstlich umschauen, ob nicht der Unbekannte lauert …

Zur Bestform läuft (die Autorin) auf, wenn sie Lokalkolorit erzeugt und Menschen beschreibt, wie es das (Wiener) Leben zuhauf bietet. Von der Clique der Möchtegernschönen und Möchtegernreichen bis hinunter in die unterste Arbeiterschicht lässt Frau Gillespie die herrlichsten Charaktere aufleben, die samt und sonders mit viel Ironie betrachtet werden. Dazu kommt noch ein Schuss Kritik an der regionalen Politik und fertig ist ein Regiokrimi, der zwischen dem Herrn Karl von Helmut Qualtinger und der Berichterstattung der örtlichen Kronenzeitung anzusiedeln ist. (Wolfgang Weninger, Krimi-Couch)

Edition Innsalz, 2006